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04.02.2017 07:47 Alter: 290 days
Kategorie: Gemeinden
Von: Ulrike Schäfer, Wormser Zeitung

Reformator

Theater in der Lutherstadt Worms


Ewald Landgraf (2.v.l.) spielt in seinem Stück die Rolle Martin Luthers Foto: photoagenten/Andreas Stumpf

WORMS - Rund 200 Menschen wollten am Mittwochabend das Theaterstück „Reformator – Die Rückkehr“ in der Stadtmission sehen. Inszeniert und gespielt wurde es vom „TZE – Theater zum Einsteigen“, einem Projekt des Theatervereins „Die Aussteiger“ unter Leitung von Ewald Landgraf, der auch das Textbuch schrieb. Das Ensemble setzt sich aus Mitgliedern verschiedener Landes- und Freikirchen zusammen. Auch ein Gemeindemitglied der Stadtmission machte mit, Tobias Lehr, der den „Urchristen“ Dornkahl spielte.

Wer war Martin Luther? Was hat, beziehungsweise was hätte, er uns heute noch zu sagen? Um dieser Frage nachzugehen, wählte Ewald Landgraf einen originellen Plot: Er lässt den Reformator als Zeitreisenden auftreten. Zunächst trifft er die nüchterne Journalistin Kathrin Arndt (Julia Schmidt), die gerade für ein Buch über die „dunklen Seiten Luthers“ recherchiert. Sie glaubt dem Fremden (Ewald Landgraf) nicht. Immerhin aber erklären ihr die Nobelpreisträger Memmen (Michael Beck) und Dutchman (Christine Schäfer), dass eine Zeitreise möglich sei und dass sie selbst den Fremden für den zurückgekehrten Reformator halten. Dies und Luthers uneigennütziges Streben überzeugen die junge Frau zunehmend, sie verschafft ihm ein Fernsehinterview und ist auch bereit, dabei zu sein, wenn er 95 neue Thesen an die Wittenberger Schlosskirche anschlägt. Doch die Spitzen der Kirchen zeigen kein Interesse an dem Mann, der sich Luther nennt und spüren keinen Bedarf an Reformen. Die Gemeindesekretärin Gnadenbach (Carola Lembke) möchte den Fremden für ihre Tombola am 31. Oktober engagieren; der katholische Pastoralreferent Werck (Marco Stegner) und die Dekanin Seicht (Nicole Adler) streiten sich sofort, wer zur wahren Kirche gehört, und Urchrist Dornkahl (Tobias Lehr), der sich auf Luthers Seite schlägt und immer mal wieder wie einst der Prophet Elias Feuer vom Himmel regnen lassen möchte, ist auch nicht besser.

Da tritt plötzlich die Detektivin Achilles (Inken Staiger-Will) auf, die Luther nicht nur mit seinen historischen Schattenseiten konfrontiert, sondern auch mit seinen aktuellen. Der Fremde ist nämlich in Wirklichkeit Kathrin Arndts Vater, der die Mutter seinerzeit im Stich gelassen hat. Er schlüpfte in die Rolle Luthers, um seiner Idee von einer neuerlichen Reformation der Kirche Gewicht zu verleihen.

Was der Luther Ewald Landgrafs den Kirchen vorwirft, ist ihre Zersplitterung in viele Teile und die Unfähigkeit, sich auf das Gemeinsame, den Glauben an Christus, zu besinnen. Er beklagt aber auch, dass sie sich viel zu sehr mit Politik und Umwelt beschäftigen, statt sich an die Bibel zu halten. „Heute sucht man nicht den gnädigen Gott, sondern Gott muss die Menschen gnädig stimmen“, meint er bitter, als Kathrin sich zu kurz gekommen fühlt. Er ermutigt sie zu beten: „Es geht darum, die Hand von Jesus zu nehmen. Er wird dich nicht enttäuschen.“ In seinen neuen Thesen formuliert er, dass Schuld und Sünde keine Fremdworte sein dürfen, dass aber das Angebot von Gottes Gnade und Vergebung steht.

Die Darsteller auf der eigens aufgebauten Bühne gefielen durch ein spritziges, typgerechtes Spiel, der Autor hatte viele komische Elemente eingebaut, sodass die Zuschauer oft etwas zu lachen hatten. Nach der Enttarnung Luthers geriet das wohlüberlegte Spiel allerdings zu melodramatisch und vermochte nicht mehr recht zu überzeugen. Darüber hinaus lässt sich sagen, dass die Bibel vielleicht doch nicht ganz so eindeutig ist, wie der historische und der vermeintliche Luther dachten.